an exhibition by Béla Pablo Janssen
opening 6pm, thursday 22th september 2022


  

 

Das Flüchtige einen Moment lang festhalten –
Die Kunst von Béla Pablo Janssen

Béla Pablo Janssen (BPJ) lässt sich von der Substanz des Lebens treiben – diese Substanz ist ihm zugleich schöpferischer Antrieb und kreativer Impuls. Er surft, tastet sein Umfeld ab, fängt Eindrücke ein – den Blick aufmerksam auf das Alltägliche wie das Außergewöhnliche gerichtet. Sein Werk entsteht folglich in enger Anbindung an die eigene Biografie und vor dem Hintergrund einer durchaus entspannten künstlerischen Selbstbefragung. Der 1981 in Köln (D) geborene Künstler durchkämmt seine Erfahrungswelten, die sich ihm wie ein reichhaltiges Depot privater wie professioneller Erinnerungen und Erlebnisse darbieten.

BPJ ist dabei zugleich erlebendes Subjekt und Objekt einer Auseinandersetzung, in deren Mittelpunkt die eigene Wahrnehmung steht. Aufmerksamer Zeuge seiner Bewußtseinszustände strebt er stets danach, die Elastizität des Geistes und des Gemüts zu erhalten durch die Unabhängigkeit von zeitlichen und räumlichen Umständen. So betreibt er die Erweiterung des eigenen Horizonts durch die selbstverordnete Beweglichkeit eines beinahe nomadischen Daseins und den damit verbundenen häufigen Ortswechseln. Wie der Reisende oder gar Heimatlose ist er eingebunden in den Austausch mit einer sich ständig verändernden Außen- und Umwelt. Beiläufige Beobachtungen registriert er ebenso wie nachhaltige Vorkommnisse, erlebt oberflächliche Begegnungen und emotional intensive Beziehungen.

Die aufgespürten Impressionen fließen als Auszüge des Lebens in BPJs „Anarchiv“ ein, einem jahrelang angelegten Inventar aus Bild- und Textmaterial, darunter verblassende Familienfotos, Poster, Publikationen, Zitate, Andenken, überbelichtete Dias, persönliche Notizen, Schnappschüsse. Auch dem öffentlichen urbanen Raum Entnommenes –  abgerissene Plakatfetzen und Graffititags – bildet Teil der Sammlung von Motivvorlagen, die BPJ dann, in einem Prozess kreativen Recyclings, bildnerisch verdichtet und in neue, poetische Bedeutungszusammenhänge überführt. So bezeichnet er selbst das aus dem „Anarchiv“ hervorgehende Werk als „Dokufiktion“. Gleichzeitig dokumentarisch und fiktiv, introspektiv und imaginativ, bewegt es sich zwischen Erlebtem und Erfundenem.

Akteur im eigenen Lebensumfeld, ist BPJ einer permanenten Selbstbeobachtung ausgesetzt. Zu dieser gehört auch die experimentelle, spielerische Reflektion der Rolle des Künstlers zwischen Selbststilisierung und Suche. BPJ gestaltet sich als Protagonist einer von ihm inszenierten Erzählung, wobei ihm der eigene Name zugleich zur Selbstvergewisserung und Entfremdung (im Sinne eines verfremdenden „Ich ist ein Anderer“) dient. Denn BPJ macht sich die geballte Suggestivkraft seines zweiten, offiziell im Pass eingetragenen Vornamens „Pablo“ zunutze, um eine Fährte zu legen, die auf eine andere, allseits bekannte Künstlerpersönlichkeit deutet und zugleich eine Distanz zu sich als Kunstfigur verdeutlicht. Mit dem offensiven Einsatz von „Béla Pablo“ als typografisch markantes Markenzeichen auf zahlreich in Umlauf gebrachten Ausstellungsplakaten propagiert BPJ das eigene Schaffen, während er durch die auratische Aufladung des eigenen Namens kokett die von Egomanie geprägte künstlerische Selbstdarstellung und -vermarktung parodiert.

Im Zentrum von BPJs flexibler künstlerischer Vorgehensweise steht also zunächst die Aneignung von Vorgefundenem und Vorhandenem auf intellektueller wie sinnlich-materieller Ebene. Er zeichnet, filmt, notiert, nimmt Töne auf. Wie im Sampling verwertet er die aufgezeichneten Fragmente und Ausschnitte, vervielfältigt, arrangiert, kompiliert, komponiert. So wie er sich als Wanderer frei zwischen den Erfahrungs- und Bildwelten bewegt, Fakt und Fiktion miteinander verbindet, gleitet BPJ  geschmeidig zwischen den Gattungen Fotografie, Malerei, Zeichnung und Grafik. Seine Werke erweisen sich als multimediale Versuchsanordnungen, denen die wohltuende Offenheit ephemerer Erscheinungen innewohnt. In der Leichtigkeit sich durchdringender Schichten überlagern sich Notizen und Skizzen, durchscheinende, Palimpsest artige Spuren weisen zeichenhaft auf vormalige narrative Zusammenhänge der verwendeten Papierschnipsel und Bildsegmente, stehen jedoch stets als losgelöste Andeutungen, Anklänge für sich.  

Eine zutiefst romantische Ader, eine sehnsüchtige Natur offenbart sich im Werk von Béla Pablo Janssen. Wie meditative Übungen erscheint die Serie von „Sonnenzuwendungen“, leise, konzentrierte, Beobachtungen der zarten Farbverläufe der aufgehenden Sonne. Aus der konzeptuellen Wiederholung des gleichen Motivs resultieren melancholische Stimmungsbilder, in der die subtile Färbung der Atmosphäre auf die Vergänglichkeit des Moments hindeutet. In einer Reihe von grobkörnigen Aktfotos sind die weiblichen Figuren durch die reproduzierende Siebdrucktechnik und weitere Bearbeitung der Vorlage mit Sprühfarbe und Gouache schemenhaft aufgelöst und zugleich zunehmend anonymisiert. Wie in weiteren Werken von BPJ erscheint das Sujet  im Spannungsfeld zwischen persönlicher Nähe und Distanz. In Entsprechung ist das wiederkehrende Motiv in seinen unterschiedlichen materiell und medial bedingten Zuständen mit einer essentiellen Uneindeutigkeit behaftet, die es zwischen Erscheinen und Verschwinden, An- und Abwesenheit changieren lässt. Im übertragenen – und durchaus melancholischen –  Sinne entspricht dies dem en passant des – erlebten? –Moments, der vorübergehenden Präsenz der – angebeteten? – Abgebildeten.

Neben dem Prinzip von Anwesenheit und Abwesenheit bestimmt das Zusammenspiel von Leere und Fülle, Außen- und Innenraum, Vorder- und Hintergrund die Kompositionen, die oft durch eine objekthafte bildinterne Gliederung gekennzeichnet sind. In diesen Bild im Bild-Konstruktionen wird ein – mitunter konkret gegenständliches – Bildmotiv durch eine hölzerne Einfassung hervorgehoben, die als ein strukturierender Rahmen in die geschlossene Leinwandoberfläche eingelassen ist. Sie erscheint als Durchbruch, als radikale Öffnung der illusionistischen Malebene hin zu einer sich in Zeit und Raum ausdehnenden Collageform. Durch diese besondere Präsentation – gleichsam von einem Schrein umfangen – wird ein banales Ding, ein abgerissener Plakatstreifen, seiner alltäglichen Realität der Wertlosigkeit enthoben, besetzt einen festen Platz im Bildraum und erscheint beinahe kostbar, sublimiert. Kurz berührt und punktuell eingesetzt, verharrt es einen Moment lang im Stillstand, bevor es eine weitere Verwandlung im individuellen Kosmos von Béla Pablo Janssen erfährt.  

Bettina Haiss, Köln 2022